• Benni

Ich habe den Videocall-Schwenkarm erlebt und verteufele ihn!



Als ich vor etwa drei Jahren eine Bootstour in den Everglades machte hatten wir eine amerikanische Familie mit an Bord. Fünf Personen, drei davon permanent via Facetime videotelefonierend mit Freunden und Verwandten verbunden: "heyyy Jerriii. We are here ... on a boattrip... look... wohoooo!".


Ein Jahr später in meinem deutschen Fitnesstudio: Eine männliche Fensterreinigungskraft videotelefonierte während des Fensterputzens mit seiner Frau. Was um Himmelswillen gibt es jetzt zu besprechen, wofür ein Videoanruf das passende Mittel zu sein scheint?


Da kamen zum ersten Mal Fragen in mir auf: Warum wird es noch nicht so extrem genutzt wie in anderen Ländern? Wer wird es nutzen? Zu welchen Anlässen wird es genutzt?


Ich dachte zunächst: Die Videotelefonie wird sich vermutlich dann rasant durchsetzen wenn wir auch in Deutschland Datenflatrates zu Billigpreisen haben werden.


Dann kam die Coronazeit und Zoom Calls, Skypen und Facetimen wurde auch zum Alttag der breiten Bevölkerung. Weihnachten 2020 beobachte ich dann folgendes: Es wird nicht mehr angerufen, sondern man drückt direkt auf das Kamerasymbol der Apps, statt auf den Hörer. Man streckt den Arm nach vorne aus, positioniert sich im Bild und zack ist man binnen Sekunden einem weit entfernten Menschen so nah, als würde man ihm gegenüberstehen. Eigentlich fantastisch, aber...


  1. Wenn ich einen Besucher physisch empfange bereite ich mich vor. Ich stimme mich ein, richte die Wohnung her, gehe die letzten Gespräche nochmal innerlich durch, versetze mich in die Lebenswelt meines Gastes usw. Das passiert natürlich nicht so strategisch, wie ich es hier schildere, aber es passiert. Bei einem Videocall kann ich das als Anrufender auch tun. Der Angerufene jedoch ist der Gelackmeierte. Mit nur einem Knopfdruck steht ein anderer Mensch in seinem Nahfeld, in seinem intimsten Raum. Hineingebeamt. Fürchterlich, weshalb ich einen unangekündigten Videoanruf als Distanzlosigkeit werte und niemals annehmen würde.

  2. Der Anrufer ist im schlimmsten Fall dann nicht nur so dreist unangemeldet anzurufen, sondern zündet während dem Gespräch noch eine weitere Waffe - den Videocall-Schwenkarm. Er richtet die Kamera seines Telefons jetzt weg von sich auf andere Personen im Raum mit dem hier als Beispiel dienenden Satz "Guck mal Ingeborg ist auch hier!". Und zack, "stehen" sich zwei Menschen gegenüber, die sich im besten Fall gut kennen und nun trotzdem zu einer unvorbereiteten Konversation gezwungen werden und im schlimmsten Fall sich völlig unbekannt sind, sich nun aber, weil der Schwenkarmbesitzer es für eine gute Idee hält zwangsweise kennenlernen. Übergriffiger geht es nicht!

  3. Die im Videocall gegebene Zweidimensionalität schluckt alle Feinheiten unserer Kommunikation und führt zu peinlichen Situationen am laufenden Band. "Ja nun erzähl mal!" Der Blick kreist über die vielen schweigenden Gesichter des Zoom Calls. Wer hat das Zepter? Wer führt die Konversation an? Wer moderiert? Und warum stellen wir uns diese Fragen nicht wenn wir gemeinsam in einem Raum sitzen? Weil hier winzige Rührungen wie ein Aufatmen, eine Handbewegung, ein Kopfdrehen dazu führt, dass Menschen das Sprechen beginnen, pausieren oder unterlassen. Tiefe unbewusste Äußerungen und Wahrnehmungen - alle geschluckt von der Zweidimensionalität der Bildschirme. Willst Du also noch mehr Awkardness? Digitalisiere Deine Gruppenkommunikation!

  4. Ist das beim guten alten Telefonieren nicht auch so? Nein! Wenn ich von vornherein weiß, dass mir nur die "Audiospur" zur Kommunikation zur Verfügung steht sind die Fronten geklärt. Alle Beteiligten wissen, dass man telefoniert um miteinander zu sprechen und das tut man dann auch. Ob ich dabei nackt bin, auf dem Klo sitze oder Grimassen schneide oder gelangweilt schaue spielt keine Rolle. Ich tue das worauf es ankommt: Ich unterhalte mich mit meinem "Gegenüber" und kann mich ganz darauf konzentrieren. Beim Videoanruf jedoch will man mehr. Man will sich sehen. "Schön, es ist so schön Euch nochmal zu sehen". Die Befriedigung des Bedürfnisses sich zu sehen hat einen Preis. Nämlich den, das man nicht miteinander sprechen kann - zumindest nicht so tief, so intim, so persönlich wie bei einem Telefonat.

  5. Als die Boomer Generation das "lustige Video aus dem Internet" für sich entdeckte und untereinander verschickte kam es auch vermehrt dazu, dass sich ältere Herren im Reallife ihre Smartphones unter die Nase hielten mit den Worten: "Guck mal hat mir Günther geschickt". Sie stellten dann nach und nach schmerzlich fest, dass sie mehr und mehr auf gelangweilte und genervte Blicke stießen, da derjenige dem man das Iphone unter die Nase hielt gerade gar keine Lust hatte sich damit auseinanderzusetzen. Es besteht in meinen Augen Hoffnung, dass wir diesen Lernprozess auch in Sachen Videotelefonie absolvieren. Bis dahin werde ich vor jedem Videocall Schwenkarm Reißaus nehmen und auf diese Weise meinen Beitrag leisten.


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